Auf der von der sächsichen Landesregierung veranstalteten Klimakonferenz für SchülerInnen haben einige am Stand der Parentsforfuture Fragen hinterlassen. Hier der erste Teil der Antworten von den Scientistforfuture Leipzig. (Dr. Heike Wex, Carla Groß, Prof. Dr. Harald Englisch und Dr. Christoph Gerhards)

Was ist der wichtigste nächste Schritt?

Es ist nicht eindeutig, den nächsten Schritt zu benennen. Deshalb hier einige Punkte, bei denen man schnell ansetzen könnte. Wichtig wäre eine klare Kommunikation seitens der Regierung, dass wir unser Wirtschaften an den Erhalt des Ökosystems ausrichten müssen. Alles von Menschen gemachte kann neu gemacht werden. Ist aber unsere Lebensgrundlage aufgrund Missachtung planetarer Grenzen zerstört, haben wir eine Katastrophe, die die meisten Menschen nicht überleben werden.

Um die Emissionen von CO2 zu verringern sollte als eine relativ einfache Maßnahme Anlagen zur Erzeugung erneuerbare Energie schnell ausgebaut werden. Eine Stromversorgung mit erneuerbaren Energien ist mit heutigen technischen Mitteln weltweit machbar (siehe http://energywatchgroup.org/wp-content/uploads/EWG_LUT_100RE_All_Sectors_Global_Report_2019.pdf) und nicht teurer als das bisherige Energiesystem. Es werden mehr Arbeitsplätze geschaffen als durch das bisherige System verloren gehen. Wenn Deutschland damit anfangen würde, könnte es eine Beispielwirkung für den Rest der Welt haben. 

Ein weiterer wichtiger Punkt wäre der Erhalt der großen Wälder. So muss z.B. im Amazonas die Abholzung gestoppt werden und an möglichst vielen Orten der Welt sollten Wälder neu angepflanzt werden.

Auch finanzielle Maßnahmen wie der sofortige Stopp der Subventionierung fossiler Energien oder die Einführung einer CO2 Steuer sind gute Sofortmaßnahmen.

Wieso gehen die Meinungen über den Klimawandel so auseinander? Warum leugnen Menschen den Klimawandel?

Dafür  kann man zahlreiche Gründe anführen. Zuerst einmal gab es schon sehr früh in  der Debatte um den Klimawandel und was dagegen getan werden kann von der  Wirtschaft finanzierte Studien und Kampangnen, die den Klimawandel angeblich  widerlegen, was einer genauerer Prüfung nicht Stand hält. Das wird  z.B. beschrieben in dem auch auf Deutsch erschienenen Buch „Merchants of  Doubt“. In  Deutschland gibt es in dieser Richtung z.B. das  EIKE – Europäisches Institut für Klima  & Energie.

Weiterhin sind Berichte in den Medien oftmals so, dass über  verschiedene Seiten eines Themas gleich gewichtet berichtet wird, obwohl die  meisten Wissenschaftler sich einig sind, dass eine Seite richtig ist. Das  gilt für viele Themen. In Deutschland ist diese „gleich gewichtete  Berichterstattung“ bezüglich des Klimawandels nicht so stark ausgeprägt  wie z.B. in den USA, wo entsprechend auch mehr Leute den menschlich verursachten Klimawandel leugnen.

Bei einigen Menschen gibt  es auch einen großen Glauben daran, dass Kapitalismus das beste System ist –  und solche Leute lehnen staatliche Eingriffe und Regeln generell ab (sie  sehen aber auch nicht, dass Kapitalismus nur auf Ausbeutung basierend  funktioniert). Ein weiterer Grund, den Klimawandel zu leugnen, ist, dass es  schwert zu akzeptieren ist, dass das eigene Verhalten schädlich für die Welt  sein soll. Schließlich verdrängt man auch gerne ein Problem, dass so groß  ist, dass man es gar nicht fassen kann, man denkt sich „wenn es wirklich  so schlimm wäre, dann würde sicher mehr dagegen unternommen“.

Wie  kann man Klimagegner überzeugen, umweltbewusst zu handeln?

An der  Stelle sollte erst mal gesagt werden, dass es schwer ist, Leute, die  überzeugte Klimaleugner sind, vom Gegenteil zu überzeugen. Vielleicht sind  sie ja sogar Klimaleugner, weil sie ihren Lebensstil nicht ändern wollen. Es  gibt allerdings immer auch Leute, die es einfach nicht besser wissen. Bei  denen kann schon etwas Basiswissen vielleicht eine Änderung bewirken,  besonders, weil wir momentan den Klimawandel ja sogar in Deutschland schon  deutlich spüren (weniger Schnee in den Wintern, mehr heiße Tage im Sommer und  mehr tropische Nächte (wenn die Temperatur stets über 20°C ist),  die Dürre von 2018/19 (https://www.dwd.de/DE/klimaumwelt/klimawandel/klimawandel_node.html)). Wenn erst mal genug  Leute ihren Lebensstil so verändern, dass man z.B. mit einem Auto mit viel PS  nicht mehr „cool“ ist, sondern „völlig daneben“, dann  ändern vielleicht auch Klimaleugner etwas.

Zum Thema Basiswissen: CO2  (das immer beim Verbrennen von z.B. Öl, Kohle, Gas entsteht) ist ein  Treibhausgas! Der Treibhauseffekt erwärmt die Erde (bisher war das gut, ohne  ihn hätten wir um ca. 30°C kältere Temperaturen)! Der Anstieg von CO2 in der  Atmosphäre wird seit 1958 durchgehend gemessen (https://scripps.ucsd.edu/programs/keelingcurve/) Ein Anstieg der globalen Temperatur wird gemessen  (https://data.giss.nasa.gov/gistemp/graphs_v3/) Die gemessene  Erwärmung wird von Modellen nur dann richtig wiedergegeben, wenn von uns  Menschen emittierte Treibhausgase in den Modellen mit berücksichtigt werden  (https://www.bloomberg.com/graphics/2015-whats-warming-the-world/)

Wie  können wir aus den Kohlekraftwerken aussteigen ohne mit den Alternativen  größeren Schaden anzurichten?  Warum  dauert der Kohleausstieg so lange und was bringt er für (soziale) Nachteile? 

Das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik hat im Rahmen einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie gezeigt, dass ein Kohleaustieg bis 2030 möglich wäre. https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/2030_kohlefrei_fraunhofer_iee_greenpeace.pdf)

Viele Menschen haben aber Angst vor einem radikalen Wandel, den das mit sich bringt. Das ist insbesondere in den ostdeutschen Ländern so, denn da haben die Menschen den Umbruch nach der Wiedervereinigung in schlechter Erinnerung. Diese Sorgen sind begründet, denn es ist schwer kurzfristig einen großen Industriezweig zu ersetzen. Deshalb war das soziale Thema ja auch ein Fokus bei den Verhandlungen in der „Kohlekommission“. Die Folgen einer Klimakatastrophe durch z.B. verzögerten Kohleausstieg wären jedoch viel schlimmer. Natürlich lässt sich die Katastrophe nur verhindern, wenn alle mitmachen. Nur ist es wichtig, dass Deutschland als einer der reichsten Länder der Welt mit gutem Beispiel voran geht und zeigt, dass eine Energieversorgung ohne fossile Brennstoffe möglich ist.

Kann man irgendwann komplett auf fossile Brennstoffe verzichten?

Ja, dazu gibt es viele Studien, auch wurde gezeigt, dass es nicht nur weltweit möglich ist, sondern auch billiger als das bisherige System (http://energywatchgroup.org/globales-energiesystem-mit-100-erneuerbaren-energien) Das Besonderer an dieser Studie ist, dass allein die Kosten optimiert wurden ohne Technologievorgaben zu machen. Die größten Energiemengen werden je nach Land über Solarstrom und Windkraft bereitgestellt.

Ist es  realistisch noch möglich, unter 1.5°C zu bleiben ?

Aus  rein wissenschaftlicher Sicht kann man nicht sagen, ob es realistisch ist  oder nicht, denn dafür müsste man ja vorhersagen können, wie sich Menschen in  Zukunft verhalten und das ist bekanntlich sehr schwer. Dennoch kann man  sagen: Es sieht schlecht aus. Eine Erwärmung um 1°C (verglichen mit der  vorindustriellen Zeit) hat bereits stattgefunden, und die Erde reagiert  langsam, so dass es noch wärmer werden würde, selbst wenn ab sofort die Menge  an Treibhausgas in der Atmosphäre konstant gehalten werden würde. Wir  brauchen weltweit radikale Maßnahmen, um eine Katastrophe zu verhindern.  Deshalb ist es durchaus berechtigt von einem Klimanotstand oder einem Nofall zu sprechen.  Manche vergleichen die Situation mit der eines Weltkrieges: Um den zu beenden  sind enorme Anstrengungen nötig und es ist mit Verlusten in einigen Bereichen zu rechnen. Unmöglich ist es jedoch nicht. Einige nehmen auch die  DDR als Beispiel. Im Sommer 1989 hielten es sehr viele noch für  unrealistisch, dass sich das System in den nächsten Jahren verändert. Wie wir  wissen ging es dann aber doch schnell, weil eine breite Masse auf die Straße  gegangen ist.

Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus?

Es ist gut vorstellbar und wünschenswert, dass der öffentliche Nah- und Fernverkehr wieder an Attraktivität gewinnt und mehr Leute ihn nutzen. Dazu gibt es Ideen wie ein preisgünstiges Jahresticket z.B. für 365€ wie in Wien oder einen ganz kostenlose Nahverkeht, wie z.B. in Tallin. Auch ist mittlerweile vielen klar, dass Städte gut daran täten, wenn Radverkehr attraktiver werden würde, denn wenn mehr Leute Rad fahren oder auch zu Fuß gehen, könnte vieles besser werden, das beim Autoverkehr schlecht ist (z.B. Ausstoß von CO2 und anderen gesundheitsschädlichen Gasen und Feinstaub, Staus, Parkplätze, die Platz wegnehmen). Viele Städte in Holland und auch die dänische Stadt Kopenhagen gelten hier als Vorreiter.

Allerdings wird der motorisierte Individualverkehr weiterhin existieren. Für kurze Distanzen, z.B. in Städten, sind dabei E-Autos eine gute Alternative (wenn sie mit Strom aus erneuerbaren Energien getankt werden). Für lange Strecken, bei denen man „tanken“ muss gibt es Schnellladestationen. Auch ist Car-Sharing eine gute Alternative – nicht jeder muss ein Auto mit einer großen Reichweite besitzen. Außerdem lässt sich das Problem der Auslastung des Stromnetzes im Flottenbetrieb viel besser lösen.

Was bringt eine CO2-Steuer und Warum ist Deutschland so sehr gegen die CO2-Steuer?

Grundsätzlich ist die Idee: Wenn Produkte und Dienstleistungen, die in ihrer Herstellung viel CO2 verursachen, durch eine CO2 Steuer teurer werden, würden sie weniger gekauft und dann wird weniger CO2 emittiert. Im Detail ist es natürlich kompliziert, denn es bringt ja nichts, wenn Produkte, bei deren Produktion viel CO2 emittiert wird dann in Ländern hergestellt werden, die keine CO2 Steuer haben. Außerdem stellt sich die Frage, wie eine solche Steuer sozial gerecht gestaltet werden kann.

Bisher müssen Unternehmen in Europa, wie z.B. Betreiber von Kohlekraftwerken, die große Mengen an CO2 ausstoßen schon im Rahmen des europäischen Emissionshandels Zertifikate dafür kaufen. Das Problem war jedoch, dass diese relativ billig waren und somit wenig Wirkung gezeigt hatten.

Neu in der Diskussion einer CO2-Steuer ist, dass alle bisher nicht vom Emissionshandel (ETS) erfassten Sektoren (Wärme, Verkehr, Landwirtschaft) einbezogen werden sollen. Aufgrund der Verfehlung der nationalen Klimaziele in den verschiedenen Sektoren muss Deutschland erst in den 2020er Jahren ETS Zertifikate kaufen. Diese Kosten in Höhe von 30-60 Mrd Euro zahlt aber zunächst der Staat und nicht die Verursacher. Die Ausgestaltung einer CO2-Bepreisung kann sehr unterschiedlich erfolgen. Davon hängt dann natürlich auch die Wirksamkeit ab.

Eine CO2-Bepreisung für Verkehr und Wärme ist auch national denkbar, viel besser wäre natürlich ein europaweites Vorgehen. Siehe auch: https://www.boell.de/de/2019/05/08/co2-preis-jenseits-der-leerformel. Auf der anderen Seite kann man nicht mehr lange warten, wenn man Klimaschutz ernst meint. Es gibt schon einige Vorschläge für die ersten Schritte: z.B. hier: https://www.agora-energiewende.de/fileadmin2/Projekte/2019/15_Eckpunkte_fuer_das_Klimaschutzgesetz/Agora_15_Eckpunkte_Klimaschutzgesetz_WEB.pdf 

Wann immer eine neue Steuer erwähnt wird, haben Leute Angst, dass sie mehr Geld an den Staat abgeben müssen. Dabei ist das für viele Modelle einer CO2-Steuer gar nicht so geplant, denn die Einnahmen durch die Steuer sollen wieder an die Menschen zurückgegeben werden, sie wäre im Mittel kostenneutral. So würden am Ende Leute, die wenig CO2 verursachen (und das sind oft ärmere Leute, die sich keine Flugreisen oder teure Steaks leisten können) sogar besser dastehen, wohingegen die Kosten von den Leuten getragen werden würden, die sich die entsprechenden Sachen auch leisten können. Bei der Steuer ist viel Demagogie im Spiel (siehe z.B. https://www.capital.de/wirtschaft-politik/klimapraemie-statt-co2-steuer). Tatsächlich wird momentan eine wirksame CO2-Bepreisung in vielen Parteien diskutiert, nur mit unterschiedlichem Ergebnis. Manche fürchten Widerstände u.a. bei den Wählern. Auf alle Fälle gibt es gute Beispiele, dass es funktionieren kann – ohne Aufstand der Bevölkerung, in Schweden und Schweiz und momentan wird auch EU-weit für die Zustimmung zu einer solchen Steuer geworben https://citizensclimateinitiative.eu/

Wird eine CO2 Steuer im mittel kostenneutrag erhoben bleibt jedoch ein wesentliches soziales Problem ungelöst: Laut UBA verursacht die CO2 Emission Kosten von 180 €/t. Diese Kosten müssen von der nachfolgenden Generation beglichen werden und das ist auch ungerecht. Für die Generationengerechtigkeit wäre es besser, die Einnahmen aus einer CO2 Steuer sofort in Klimaschutzmaßnahmen zu investieren. Einen sozialen Ausgleich zwischen Reich und Arm heute könnte man durch andere Faktoren wie z.B. eine Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer, Finanztransaktionssteuer oder Änderungen der Einkommenssteuer erreichen.

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