Ökozid, der Film

Bild: © rbb/zero one film/Julia Terjung

Es ist das Jahr 2034. Ein Konsortium aus 31 Ländern des globalen Südens erhebt Anklage gegen die Bundesregierung, nicht genug gegen den Klimawandel getan zu haben und fordert nun Entschädigung.

Mit diesem einen Satz könnte man den Film „Ökozid“ beschreiben und würde ihm damit alles andere als gerecht werden. Denn das einzige, was an dieser scheinbar fiktiven Geschichte ausgedacht scheint, sind die Namen der Protagost:innen – bis auf Merkel – und das Jahr 2034. Alles andere gleicht eher einer Aufholjagd journalisticher Unterlassungen der letzten 10 Jahre.

In einem Interview gibt die Drehbuchautorin Jutta Doberstein an:

„Die Komplexität des Klimawandels für einen Film dieser Länge in einer stringenten Erzählung aufzubereiten wurde möglich durch eine Doktorarbeit, die den Einfluss deutscher Lobbyisten auf die Einführung des Emissionshandels untersucht. Die Arbeit beschreibt anhand einer akribischen Faktenrecherche, wie die Industrie bei der Einführung des Emissionshandels in enger Kooperation mit der Bundesregierung Klimaschutzmaßnahmen abschwächte oder ganz verhinderte.“

Und der Regisseur und Autor Andres Veiel antwortet auf die Frage, wie es zu diesem Film gekommen ist:

„Ausgangspunkt für das Projekt war mein eigener Schock, dass ich gemerkt habe, 2018, als wir angefangen haben zu recherchieren, der Klimawandel ist hier angekommen. Die Bäume in der Uckermark wurden im August gelb, haben ihr Laub abgeworfen, es ist nicht nur irgendwo in Bangladesh, es ist hier in Deutschland und der Wunsch war, mit diesem Wissen zu recherchieren: Woran liegt das eigentlich? Welche Versäumnise hat die Politik begangen? Wo waren eigentlich Chancen, sehr viel früher einen massiveren Klimaschutz umzusetzen?

Und dieses Versagen von Politk war sehr viel größer als ich es mir anfänglich hab vorstellen können. Die Recherchen haben Erschreckendes zutage gefördert und daraus wollte ich/musste ich einen Film machen.“

Die Stärke dieses Films ist also nicht allein die Fiktion, also aus der Zukunft heraus auf unsere nahe Vergangenheit zu schauen, sondern vor allem in der Verbindung aus eben dieser Fiktion und der unmittelbaren Realität, die für mich vollkommen nachvollziehbar aus Unterlassungen und Verantwortungslosigkeit gegenüber den nachkommenden Generationen und vor allen auch schon heute gegenüber den Menschen im globalen Süden besteht.

Dieser Schock, den der Regisseur Andres Veiel beschreibt, der traf mich auch. Allerdings nicht als einzelner Moment, sondern in einem fortwährendem Stakato aus immer neuen Erkenntnissen. Die Erkenntnis darüber, wie weit der Klimawandel bereits voran geschritten ist. Die Erkenntnis, dass die Politik seit Jahrzehnten die Reduktion der Treibhausgasemissionen sehr wohl als wichtige Aufgabe formuliert, sie als Aufgabe benennt, von der das Überleben von Millionen Menschen abhängt und dennoch, tatsächliches Handeln wird immer weiter hinaus gezögert. Die Erkenntnis, dass es Kipppunkte gibt, nach denen das notwendige Unterbrechen der Erderhitzung unmöglich wird. Die Erkenntnis, dass die Lobbyisten der Erdöl- und Kohleindustrie von Politiker:innen nach wie vor mehr gehört werden, als diejenigen, die für den Erhalt unseres Lebensraumes kämpfen. Die Erkenntnis, dass Medienschaffende die Informationen, die über den Klimawandel aufklären, nach wie vor mit Werbeplätzen für SUVs oder andere lebenszerstörende Ideen regelrecht umplastert werden und in einer Tour die Politik vertreten, den Menschen nur nicht zu viel von den Klimafakten zumuten zu wollen. Permanent schlagen neue solcher Schocks ein und das nicht nur bei mir, sondern vor allem auch bei den Jüngeren.

Die Anklage ist richtig und gehört in die Gegenwart

Die Anklage im Film „Ökozid“ spricht nur einen Teil der fatalen und real existierenden Fehlentscheidungen deutscher Politik an. Das Aufweichen des Zertifikatehandels, die Tatsache, dass die Bewertung des CO2-Ausstoßes eines Autos an das Gewicht des Fahrzeugs gebunden ist und damit ein schwerer SUV eine bessere Bewertung bekommt als ein wesentlich leichteres Fahrzeug, welches faktisch weniger CO2 ausstösst, sind wesentliche Punkte, aber sicher nicht alle. Die Frage, die natürlich nicht im Film geklärt werden kann, ist die, wie wir mit dieser realen existierenden Anklage in der Gegenwart umgehen. Warten wir wirklich bis 2034?

Schauen sie diesen Film! Noch bis 18.02.2021 in der Mediathek.

https://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-klimakrise/film/index.html

eine kleine Auswahl der Zeitmarken in der Klimapolitik

„1997 traf sich die Welt in Kyoto, um den Klimawandel aufzuhalten. Die Zeugin Merkel leitete als Umweltministerin die deutsche Delegation.“

Es wird eine Videoaufzeichnung einer Rede von Angela Merkel 1997 in Kyoto eingespielt.

Merkel: „Ich finde nicht, dass die Vorschläge ausreichen. Absenkung der Treibhausgase erst ab dem Jahre 2012, das ist unbefriedigend“
Nachrichtensprecher: „Klartext von Angela Merkel.“

„1998, ein Jahr nach Kyoto, trat Schröder mit einem Versprechen an. Ich zitiere aus seiner Regierungserklärung. »Gerade beim Klimaschutz die Verantwortlichen nicht auf Erkenntnisse über weitere Schädigungen unserer Umwelt warten, sie müssen aktive Vorsorge treffen. Wir werden das tun.«“

„Jahr für Jahr ist es danach versäumt worden, die Klimarahmenkonvention konsequent umzusetzen. 2007 und 2008 verzichten die Staaten auf den Klimakonferenzen in Bali und Polen auf verpflichtende Grenzwerte.“

„2009 scheitert Koppenhagen.“

Es wird eine Videoaufzeichnung der Tagesthemen.

Nachrichtenspecherin: „Der Weltklimagipfel in Koppenhagen, man kann ihn wohl auch nach seinem Ende tatsächlich als historisch bezeichnen, als historisches Versagen. Jedem der großen Klimasünder waren offenbar die eigenen Interessen wichtiger als der Kampf gegen den Klimawandel.

„2010 wird in Kankun die Grenze der Erwärmung auf unter 2 Grad beschlossen.“

„2015 – das Klimaabkommen von Paris.“

Es wird eine Videoaufzeichnung einer Rede von Angela Merkel eingespielt.

Angela Merkel: „Wir müssen also auf diesem Gipfel ein Signal setzen, wie wir glaubwürdig das Ziel erreichen können. Es ist eine Frage der Zukunft der Menschheit.“

Anklägerin: „Eins Komma fünf sollten erreicht werden. […] 2015 war die letzte Chance für die Welt nicht nur sich der Klimakatastrophe zu stellen, sondern auch für eine soziale und gerechte Verteilung von Verantwortung […]“

„Sie wollen wissen, warum wir über dieses Kraftwerk sprechen, Herr Graf? Dem Gericht liegt der Vertragsabschluss von 26. Mai 2014 für den Bau von Rampal vor. Anwesend ein Vertreter der Fichtner GmbH und Co KG in Stuttgart. Viele Verträge zu Exportbeteiligungen von Firmen wie Siemens, Hitatchi oder andere wurden von der Deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau, der KfW, durch Bürgschaften unterstützt, eine staatliche Bank, kontrolliert vom deutschen Finanzminister. Bis zum Juli 2019, also auch noch Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen hat die KfW Kohlekraftwerke in aller Welt finanziert, mit Milliarden. Während Deutschland sauberer wurde, verloren anderswo Menschen ihre Lebensgrundlage.

– Anwältin der klagenden Konsortiums gerichtet an den Verteidiger der BRD

„Mit dem Bau des Kohlekraftwerks in Ptolemaida geht es indes weiter, 2022 soll es ans Netz gehen. […] Und statt Solarenergie in Griechenland zu fördern, wie es vor etlichen Jahren mal der Plan der deutschen Bundesregierung war – nicht zuletzt um Schulden abzubauen und eine nicht nur umweltverträgliche, sondern auch wirtschaftlich sinnvolle Energieversorgung aufzubauen – wird das Kohle-Projekt u. a. von der KfW-IPEX-Bank, einer Tochter der deutschen KfW, mitfinanziert.“

Beitrag auf energiezukunft.eu vom 19.01.2020

3 Kommentare auf “Ökozid, der Film

  1. Martin Steinbach // antworten

    Hallo!
    Ich bin höchst aufgeregt über die Verdrängungs- und Verschiebeploitik.
    Gibt es eine Möglichkeit die zugrundeliegende Doktorarbeit zu lesen?

    Mit freundlichen Grüßen

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