Fragen und Antworten zum geplanten Leipziger Gaskraftwerk

Wird bei Verfeuerung von Erdgas im Vergleich zu Kohle weniger CO2 emittiert?

Bei der Verbrennung von Erdgas wird ungefähr halb so viel CO2 emittiert wie bei der Verbrennung von Kohle.

Was hat es mit der Vorkettenemission auf sich?

Mit Vorkettenemission bezeichnet man die Emission vor der eigentlichen Nutzung, also im Fall von Erdgas ist das hauptsächlich die Methanemission bei Förderung und Transport. Da Methan auch ein Klimagas ist, welches sogar im Vergleich zu CO2 bezogen auf einen 20-Jahres-Zeitraum 84 mal so stark wirkt wie CO2 selbst, ist die Methanemission ein ernstzunehmendes Problem. Berücksichtigt man die Vorkettenemission, ist Erdgas nicht umweltfreundlicher als Braunkohle.
Siehe http://energywatchgroup.org/wp-content/uploads/EWG_Erdgasstudie_2019.pdf

Worin liegt ist der große Vorteil des neuen Erdgaskraftwerkes?

Durch das neue Kraftwerk haben die Stadtwerke Leipzig so viel eigene Erzeugungskapazität, dass der Wärmeversorgungsvertrag mit Lippendorf nicht verlängert werden muss. Wenn Lippendorf nicht wegen der Wärmeerzeugung laufen muss, kann es abgeschaltet werden, wenn genug Strom aus erneuerbaren Quellen im Netz ist. Dann wird sehr viel CO2 gespart, denn mit dem Gaskraftwerk ist ein Teillastbetrieb gut möglich und die Leistung nur etwa 1/10 von einem Block in Lippendorf.

Was ist die Systemrelevanz?

Die Systemrelevanz hat 2 Ebenen, eine kurz- und eine langfristige. Grundsätzlich ist ein Kraftwerk systemrelevant, wenn es zur Sicherstellung der Stromversorgung benötigt wird. Das heißt also, dass es einspringen muss, wenn eine hohe Stromnachfrage gegeben ist.

Kurzfristig kann ein Kraftwerk „systemrelevant“ sein, wenn es neben Strom auch für die Wärmeversorgung benötigt wird, wie es in Lippendorf der Fall ist. Das Kraftwerk geht nicht vom Netz, solange Wärmebezug aus Leipzig gefordert wird, auch wenn es am Strommarkt nicht gebraucht würde. Der Einspeisevorrang für erneuerbare Energie gilt dann nicht. Sprich, wegen Wärmelieferung nach Leipzig werden teilweise Windkraftanlagen abgeregelt, bei steigendem Ausbau der erneuerbaren Energie würde das häufiger vorkommen. Ohne die Wärmelieferung nach Leipzig müsste Lippendorf hingegen noch häufiger abregeln.

Wird Lippendorf abgeschaltet, wenn keine Fernwärme mehr bezogen wird?

Sicher nicht sofort, aber die Voraussetzungen dafür werden geschaffen. Lippendorf hat zwei gleichgroße Kraftwerksblöcke. Einer gehört der ENBW, einer der LEAG, die wie die MIBRAG über ein Geflecht an Firmen zur tschechischen EPH-Gruppe gehört. Die Betreiber verhandeln zur Zeit mit der Bundesregierung über einen Stilllegungsplan.

Mit steigendem CO2-Preis wird die Braunkohleverstromung unwirtschaftlich. Kraftwerke müssen im europäischen System ETS-Zertifikate kaufen, die kosten heute ca. 25€/t CO2.

Schätzungen zufolge steigt der Preis bis 2030 auf (60-200)€/t CO2. Als Daumenregel kann man sagen, dass 10€/t CO2 sich bei Braunkohle in 0,1 ct/kWh Stromkosten auswirkt. Aufgrund der gestiegenen CO2-Preise hat ENBW seinen Kraftwerksblock 2019 teilweise nicht betrieben. Der Börsenstrompreis liegt derzeit bei ca. 4 ct/kWh. Stromerzeugungskosten von Solarkraftwerken und Windkraftwerken in Deutschland liegen je nach Lage bei 4-8 ct/kWh. Dadurch lässt sich die Vermutung begründen, dass die Betreiber von Braunkohlekraftwerken aus wirtschaftlichen Gründen die Kraftwerke in den nächsten 10 Jahren stilllegen werden.

Wenn das Kraftwerk Lippendorf nicht für die Sicherheit der Stromversorgung benötigt wird und häufig herunterregeln muss, ist der Betrieb unwirtschaftlich und die Betreiber werden es schließen.

Kann das neue Gaskraftwerk mit Wasserstoff betrieben werden?

Technisch ist es heute möglich Gasturbinen mit Wasserstoff zu betreiben. Allerdings wird grüner Wasserstoff, also über erneuerbaren Strom und Elektrolyse gewonnener Wasserstoff, in einem 100%-Erneuerbare-Energie-Szenario hauptsächlich als Grundstoff in der Industrie sowie zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe im Schiffs- und Flugverkehr gebraucht. Man kann davon ausgehen, dass ein Betrieb mit Wasserstoff viel teurer ist als das direkte Heizen mit Strom. Somit wird das nur für Spitzenlast und Dunkelflaute in Betracht kommen.

Wie ist es mit anderen Emissionen?

Bei der Verbrennung von Gas werden weniger giftige Stoff freigesetzt als bei der Verbrennung von Braunkohle. Allerdings werden beim Erdgasabbau auch giftige Stoffe freigesetzt. Dennoch ist es insgesamt sicher ein Vorteil, wenn ein kleines Gaskraftwerk läuft und dafür ein grosses Braunkohlekraftwerk weniger läuft. Das neue Kraftwerk setzt jedoch auch Stickoxid (NOx) im Stadtgebiet frei. Im Antrag zur Umweltverträglichkeitsprüfung sind auch Emissionswerte angegeben. Nimmt man den ungünstigen Wert für Teillast und das 24h am Tag und 350 Tage im Jahr ergeben sich 260t NOx und somit jährlich rund 10% mehr NOx-Emissionen als derzeit im Leipziger Stadtgebiet . Läuft es im Jahr nur 1000 Stunden, weil Energie eingespart wird, indem Häuser gedämmt werden und erneuerbare Energie zur Wärmeversorgung eingesetzt wird und dann auch die Hälfte der Zeit im Vollastbetrieb, sind es nur ca. 23t oder 0,9% der jährlichen Emissionen in Leipzig. (Mehr Infos, siehe unten)

Können die Stadtwerke auch ohne Fernwärmebezug aus Lippendorf Leipzig mit Wärme versorgen?

Ja, die Erzeugungskapazität reich aus. Die Stadtwerke müssen mit einer so großen Redundanz planen, dass das größte Kraftwerk ausfallen kann. Deshalb könnten Sie jetzt mit dem bestehenden Anlagenpark Leipzig versorgen, auch wenn Lippendorf ausfällt. Wenn der Bezugsvertrag mit Lippendorf beendet würde, ohne dass entsprechende Redundanzen da sind, dann würde der Ausfall einer Anlage wie das Gas-Und-Dampfkraftwerk Eutritzsch im Extremfall zu einem Versorgungsengpass bei der Wärme führen.

Was passiert, wenn das neue Gaskraftwerk nicht rechtzeitig fertig wird?

Nach einem Beschluss des Stadtrates werden dann Verhandlungen aufgenommen, um den Wärmebezug aus Lippendorf zu verlängern. Man kann davon ausgehen, dass die Konditionen nicht vorteilhaft für Leipzig sind.

Wäre es nicht besser, die Wärme für Leipzig mit erneuerbaren Energien zu erzeugen statt ein Gaskraftwerk zu bauen?

Auf jeden Fall, aber das ist bei den heutigen CO2-Preisen und Regelungen im Energiemarktdesign deutlich teurer. Ideal wäre, wenn die Stadtwerke Leipzig z.B. ein Wind-Solar-Kombikraftwerk in der Umgebung betreiben würden, den Strom nach Leipzig transportieren und hier Wärmepumpen betreiben würden. Jetzt müssen sie in einem solchen Fall aber so hohe Abgaben und Steuern sowie Netzentgelte zahlen, dass es deutlich teurer ist als Wärme aus Gas. Die Stadtwerke haben angekündigt, eine Solarthermieanlage zu bauen.

Was müsste man im System Fernwärme ändern, um erneuerbare Energien gut zu nutzen?

Durch geringere Temperaturen im Netz ist die Nutzung erneuerbarer Energien deutlich effizienter. Die transportierte Energiemenge ergibt sich aus der Differenz der Vor- und Rücklauftemperatur multipliziert mit dem transportierem Volumen (Durchfluss). Da der Durchfluss durch den Rohrdurchmesser begrenzt ist, muss also auch die Rücklauftemperatur geringer sein, das erfordert eine Umstellung der Fernwärmestationen in den Häusern und ist aufwendig. In den Gebäuden müsste die Heiztechnik geändert werden.
Mit solchen Umbauten können dann auch Wärmepumen und Solarthermieanlagen effizent in das Wärmenetz eingebunden werden.
Solch ein Umbau würde lange dauern, deshalb wäre es wichtig, so früh wie möglich mit der Umstellung zu beginnen, auch wenn es heute noch keinen finanziellen Gewinn bringt. Es ist eine Möglichkeit langfristig das Wärmenetz klimafreundlich zu betreiben. Wenn eine dezentrale Wärmeversorgung mit einer Luftwämepumpe billiger und klimafreundlicher ist als Fernwärme, so werden immer weniger Kunden Fernwärme beziehen. Die Stadt verliert dann eine wichtige Einnahmequelle und hat die Möglichkeit verpasst im Klimaschutz eine Vorreiterrolle einzunehmen und dem beschlossenem „Klimanotstand“ gerecht zu werden.

Kann man auch denkmalgeschützte Altbauten so energetisch sanieren, dass sie viel weniger Energie benötigen und mit geringer Vorlauftemperatur auskommen?

Ja, auch Altbauten mit denkmalgeschützter Fassade kann man entsprechend umrüsten, man muss innen eine Dämmung aufbringen und eine Fußbodenheizung oder Wandheizung einrichten. Das ist aufwendig, aber möglich. Am besten würde das gemacht, wenn sowieso eine Sanierung oder grundlegende Renovierung ansteht. Nach heutigen CO2-Preisen lohnt es sich nicht.

Wie entwickelt sich der Fernwärmepreis, wenn CO2-Emissionen 180 Euro/t kosten würden (vom UBA errechnete Schadenshöhe)

Nach der in den Preisregelungen der Stadtwerke angegebenen Formel würde sicher der Fernwärmepreis um ca 4 ct/kWh erhöhen
Siehe Preisregelung im Downloadbereich unter https://www.l.de/stadtwerke/waerme/waerme-komfort
II. Emission  Der Emissionspreis (netto) wird für die gelieferte Wärmemenge erstmalig für den Zeitraum ab 1. Januar 2019 erhoben und  ändert sich jeweils zum 1. Januar, also zu Beginn eines jeden Kalenderjahres, nach folgender Formel:
EP  = (1-z) • 0,224 t CO2 /MWh • CO2-Preis • 1/10 EP Emissionspreis in ct/kWh
z  Anteil der kostenfrei zugeteilten CO2-Zertifikate entsprechend Zuteilungsregelungen der 3. Handelsperiode

Wird das Kraftwerk auf jeden Fall gebaut?

Es ist beschlossen, dass das Kraftwerk gebaut wird, das Planungsverfahren läuft. Wenn die Genehmigung erteilt wird, ist davon auszugehen, dass es auch gebaut wird.

Wie kann man aus dem bestehenden Stadtratsbeschluss das Optimale für den Klimaschutz herausholen, wenn das Kraftwerk gebaut wird?

Wir sollten uns dafür einsetzen, dass in die vom Stadt im Rahmen des Klimanotstands beauftragte Studie „Leipzig klimaneutral 2040 (2050)“ auch Szenarien aufgenommen werden, bei denen 2030 andere Randbedingungen als heute gelten, z.B. 2030 CO2-Preis 180€/t und reduzierte Abgaben/Netzentgelte auf Strom für Wärmepumpen, wenn der Strom aus neu errichteten Anlagen im regionaler Nähe kommt. Weiterhin wäre es angebracht, wenn es nicht nur um den Endpunkt geht, sondern ein Budgetansatz verfolgt wird, der z.B. einen 1,75 Grad Pfad beschreibt. Da man Anlagen im Privatbesitz nicht so gut beeinflussen kann, könnte so evtl. in das Konzept ein Szenario „Fernwärme CO2-neutral 2035″ gefordert werden. Dabei ist es relevant, welche Szenarien man betrachtet. Erneuerbare Energie ist besser als ein neues Gaskraftwerk und das besser als ein altes Braunkohlekraftwerk.

Was steht sonst noch an?

Im Energiekonzept der Standwerke steht auch eine Müllverbrennungsanlage als TAB (=Thermische Abfallbehandlung) im Konzept, häufig ist auch von Ersatzbrennstoffen die Rede. Bei der Müllverbrennungsanlage ist es aus meiner Sicht viel schlimmer als beim Gaskraftwerk, die muss in konventioneller Bauweise in Grundlast laufen und das ist etwas, was mit der Energiewende so gar nicht vereinbar ist. Auch müssen wir erreichen, dass viel weniger Müll erzeugt wird und verhindern, dass mit einer solchen Anlage Überkapazitäten geschaffen werden.

Wo finde ich weitere Detailinformationen?

Daten aus Antrag zur Umweltverträglichkeitsprüfung zum Kraftwerk
https://www.uvp-verbund.de/documents/ingrid-group_ige-iplug-sn/E7FACBCF-42E7-4349-931A-FDFF31EE69B3/1-Kapitel%2013%20-%20Umweltvertr%C3%A4glichkeitspr%C3%BCfung.pdf

Luftreinhalteplan Leipzig
https://www.leipzig.de/umwelt-und-verkehr/luft-und-laerm/luftreinhaltung/luftreinhalteplan-der-stadt-leipzig/

Umsetzungsbericht Leipzig 2017 EUROPÄISCHE ENERGIE- UNDKLIMASCHUTZ-KOMMUNE
https://ratsinfo.leipzig.de/ri/___tmp/tmp/45100089781-1361015638843/1015638843/01603680/80-Anlagen/04/Anlage_Umsetzungsbericht_2017_Fassung_04022020.pdf

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