„Nur beim Klima sehe ich schwarz-weiß“

(Foto aus „Ich bin Greta“ © WDR/B-Reel Films)

Der Dokumentarfilm „Ich bin Greta“ ist ab sofort in der ARD Mediathek zu sehen und läuft am 16. November um 23.30 Uhr im Rahmen der ARD-Themenwoche #WIE LEBEN.

Eine Inspiration

Alles begann mit einem Schild: „Skolstrej för Klimatet“. Der Rest ist Geschichte – leider nein, die Klimakrise ist leider noch längst nicht Geschichte. Und so erzählt der Dokumentarfilm „Ich bin Greta“ von einem Kampf, der noch längst nicht vorbei ist.

Im Film gibt es diesen Schlüsselmoment, Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss im Februar 2019. Greta Thunberg wird in einer mitreißenden Rede dem EU-Parlament vor: „Es bleibt keine Zeit zu warten, bis wir erwachsen sind und bestimmen. Denn bis 2020 müssen wir den Anstieg der Emissionen deutlich gestoppt haben.“ Danach geht Jean-Claude Juncker, der damalige Präsident der europäischen Kommission, quasi nahtlos zum Tagesgeschäft über – und spricht über Toilettenspülungen. Greta Thunberg nimmt ihre Kopfhörer für die Übersetzung ab. Dieses Gebaren der Politik ist nicht zu ertragen, dem Publikum wird wie Thunberg die weitere Übersetzung erspart. Ihre nüchterne Enttäuschung darüber, dass wieder nichts passieren wird, lässt sich beim Ansehen des Films beinahe körperlich spüren. Fassungslos.

Das ist die Stärke des Films. Nathan Grossmann, der Thunberg seit den Anfängen ihrer Streiks begleitet hat, macht Gretas Gefühle zu denen des Publikums. Und diese Fassungslosigkeit über die Untätigkeit der Politik und dieser Wille, sich der Klimakrise entgegenzustellen, sollten alle Menschen inspirieren. Der Film lässt sich so auch trefflich mit Kindern und Jugendlichen gucken. (Mein 8jähriger Sohn war begeistert.)

Rein von den Fakten her, erzählt Grossmann nichts Neues: Die Dringlichkeit der Klimakrise liegt seit Jahrzehnten offensichtlich vor uns und Greta Thunbergs Reden lassen sich öffentlich sehr leicht finden. „Ich bin Greta“ vermittelt vielmehr das Gefühl, warum wir endlich handeln müssen. Und der Film vermittelt das Gefühl, dass es noch Hoffnung gibt.

Beide Aspekte sprechen Menschen an, die Klimaschutz längst auf der Agenda haben, bieten aber genauso Raum für Neugierige. Für Menschen in der Klimaschutzbewegung ist der Film eine Bestätigung: Wir sind nicht allein, wir sind viele. Für Menschen, die Klimaschutz noch nicht auf dem Schirm haben oder aus Zeitgründen verdrängen, ist „Ich bin Greta“ eine Einladung, sich damit auseinanderzusetzen.

Beobachtung von Hartnäckigkeit und vermeintlichem Ruhm

Der Regisseur zeigt Thunberg als hartnäckige junge Frau, die die Absurditäten des Politikgeschäfts lächelnd aufzeigt. Bei der UN-Klimakonferenz in Katovice machen Offizielle Selfies mit ihr und kommentieren: „Fotoattacke auf eine 15jährige.“ Greta Thunberg, die Öffentlichkeit und Ruhm nie wollte, muss sich mit den Schattenseiten dieses Ruhms herumschlagen. Sie trägt es mit Fassung, was die Bosheit ihrer „Hater“ noch offensichtlicher macht. Das Asperger-Syndrom wird im Film weder als Schwäche gezeigt noch als heroische Superkraft, auch wenn die Krankheit ihre Beharrlichkeit stärkt. Die Deutungshoheit bleibt bei Greta Thunberg. Einmal frage ein Journalist: „Du leidest unter dem Asperger-Syndrom.“ Thunberg antwortet: „Leiden würde ich nicht sagen. Aber ich habe es.“ Am Ende beschreibt sie ihre Wahrnehmung: „Nur beim Klima sehe ich schwarz-weiß.“

Diese filmischen Beobachtungen sind einfach stark. Nur die Musik störte mich manchmal, hier hätte der Regisseur noch mehr auf die Kraft seiner Erzählung vertrauen können. Und der knapp 90-minütigen-Fernsehfassung hätten ein paar Minuten Beobachtungen mehr gutgetan. Die Kinofassung ist gut 10 Minuten länger.

Wo sind unsere Eltern? Wo unsere Großeltern?“

Wie hartnäckig Greta Thunberg ist, wird auch in einer Szene mit ihrem Vater deutlich. Der Vater, der nur ihr Bestes will, rät ihr es gut sein zu lassen, als sie eine Rede überarbeitet. Und entgegen seines Rats, feilt sie immer weiter und weiter und weiter.

Nicht zuletzt zeichnet der Film die Beziehung zwischen Tochter und Vater Thunberg. In dieser Beziehung werden sich wohl alle Eltern wiederfinden. Es geht um das uralte Thema, dass Eltern ihren Kindern vertrauen und sie in die Zukunft gehen lassen müssen. In der Klimakrise heißt das zudem noch mehr als sonst, dass Eltern ihre Kinder unterstützen müssen. Denn die Zukunft ist in Gefahr. Der Film ist daher nicht nur ein Appell an junge Menschen, sich für den Klimaschutz einzusetzen, der Film gibt die Verantwortung auch wieder an die Erwachsenen zurück. Die Verantwortung, die unsere Kinder überhaupt nicht erst haben sollten.

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